Montag, 19. November 2012

Der Rest vom Ruhrgebiet: Dorsten


Blogs werden zu Reiseführern mit sehr individuellem Lokalkolorit. Herr Buddenbohm hat für Hamburg damit angefangen und die gute Anne hat die Idee mal für den Pott adaptiert. Find ich gut und lade an dieser Stelle zu einem Ausflug nach Dorsten ein.

Dorsten bezeichnet sich als Tor zum Münsterland und Brücke zum Ruhrgebiet. Ich bin in den nördlichen Dörfern Rhade und Lembeck aufgewachsen und müsste mich daher wie viele meiner dortigen Freunde eher als Westfale denn als Pottkind fühlen. Tu ich aber nicht. Und eigentlich sind wir ja auch nur Zugezogene.

Als meine Großeltern in den 60ern aus der „großen Stadt“ Dorsten aufs Land nach Rhade zogen, war meine Mutter mit ihren kurzen Haaren und Hosen eine Exotin unter ihren in Klischees gekleideten Mitschülerinnen. Wenn Opa sich morgens in den Fiat 500 setzte, um mit seinen Kollegen nach Bochum zu Opel zu fahren, konnte man ihm weit über die umliegenden Felder hinterher winken, bis er kurz vor Dorsten hinter der Kurve verschwand. Heute liegt das Grundstück mitten in der besten Lage des Ortes, nah am Bahnhof, der morgens große Mengen an Berufspendlern aus dem Münsterland Richtung Essen schickt.

Bevor ich eingeschult wurde, nahm Opa („Oppa“ ausgesprochen, wir sprechen doch kein Hochdeutsch!) mich jeden Morgen mit in die Stadt, die Uroma im Altenheim besuchen. Danach dann am Marktplatz ein Rosinenbrötchen auf die Hand, an der Kneipe meiner Urgroßeltern (seinen Schwiegereltern) vorbei. Er erzählte mir immer wieder die gleiche Geschichte, wie er damals um Oma geworben hat, die kleine Schwester seines besten Freundes, die zu gut war für den Sohn eines Bergarbeiters. Trotzdem haben sie sich heimlich getroffen, er hat ihr Schokolade geschenkt bis sie darum bat, dass er doch besser in feine Strumpfhosen investieren sollte, da hätte sie mehr von. „Als Oma und ich noch poussiert haben“, erzählte er immer. Wenn Oma das hörte, winkte sie kichernd ab.

Als ich später zum Gymnasium ging, fuhr ich jeden Tag zweimal an der Zeche Fürst Leopold vorbei. Der Förderturm war täglich zuverlässig in Bewegung, bis plötzlich in den Zeitungen davon die Rede war, dass das Zechensterben auch in Dorsten angekommen ist. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich kurz vor dem Abi 2001 aus dem Bus auf den Förderturm blickte und sich nichts mehr bewegte. Schluss mit Bergbau.

Keine Ahnung, ob es daran lag oder ich es mit zunehmendem Alter bewusster wahrnahm, aber ab 2001 ging es auch mit der Innenstadt bergab. Das Lippetorcenter, ein kleines Einkaufszentrum direkt am Kanal, wurde immer leerer und ist inzwischen ganz zu. In der Innenstadt traten immer mehr Leerstände auf, die Euroshops und Handyläden nahmen zu. Am anderen Ende der Stadt wurde ein riesiger Betonklotz errichtet, in dem ein großer Supermarkt ansässig ist. Das neu errichtete Schwimmbad schreibt seit der Eröffnung nur rote Zahlen. Und die eine Hand voll guter Kneipen, in die man als junger Mensch gehen konnte, haben auch schon lange geschlossen.

Doch die Stadt macht sich. Die Innenstadt wird belebter, der Einzelhandel nimmt zu und auch wenn man das wahrscheinlich nicht als Indikator für irgendwas sehen kann, aber auch große Ketten wie das schwedische Bekleidungshaus lassen sich jetzt dort nieder. Museen wie das Jüdische Museum Westfalen oder das Heimatmuseum in Schloss Lembeck laden zu Besuchen ein, die Hohe Mark ist ein gern gewähltes Ausflugsziel für die Städter aus dem Pott und man gibt sich sichtlich Mühe, mit Veranstaltungen über das ganze Jahr Besucher in die „kleine Hansestadt an der Lippe“ zu locken.

Am Kanal trifft sich an warmen Sommertagen noch heute Jung und Alt. Ganz wagemutige (und lebensmüde) springen von den Kanalbrücken und wenn sie ganz bescheuert sind, hängen sie sich an die vorbeifahrenden Schiffe. Im Winter war der Kanal ein paar Mal zugefroren, aber drauf getraut haben wir uns nie.

Die Lippe fließt nur wenige hundert Meter weiter. Mit 6 haben eine Freundin und ich dort mal den Kleinen Wassermann vermutet und sind auf der Suche nach ihm fast in die Stromschnellen gefallen. Heute kann man den Fluß mit der Fähre Baldur unter Einsatz von Muskelschmalz queren.

Wie viele Städte im Ruhrgebiet, die im Krieg zerbombt wurden, ist Dorsten objektiv betrachtet an vielen Stellen vielleicht nicht schön. Aber es ist Heimat. Und jede Straßenecke ist für mich mit Erinnerungen verbunden. Und das ist doch, was zählt.

Statt Fotos zum Abschluss ein Imagefilm, den der Bruder vor einiger Zeit mal für die Stadt gemacht hat:


Kommentare:

  1. ich bin auch an der Lippe groß geworden nur befürchte ich als ich reingespuckt habe warst du noch nicht ;-)

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  2. Ich war schon seit den 90ern nicht mehr in Dorsten. Den ganzen Sommer wollte ich hin. Und habe es verpeilt. Aber 2013...da kommt mir Dorsten nicht mehr ungeschoren davon! Und ich köööönnte eine kompetente Führerin gebrauchen ;)

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